Für einen neuen Rassismusbegriff

Es gibt den Rassismus, eine äußerst menschenfeindliche und stupide Ideologie, die auf der Annahme beruht, dass es überlegene und unterlegene Rassen gibt – und dann gibt es ein Sammelsurium von Erfahrungen, die jeder Migrant, Schwarze, etc. in einem Land wie Deutschland macht: Missverständnisse, Unklarheiten, Unhöflichkeiten, Gemeinheiten, Vorurteile, kleine und größere Bosheiten aller Art, Eifersucht, Neid, Naivität, Ignoranz, Eigensinn – wie Sartre einst gesagt hat: “Die Hölle, das sind die anderen!”

Neuerdings wird heute für dieses Sammelsurium an Zumutungen das Wort Alltagsrassismus verwendet. Man spürt: irgendwie wollte man hier einen neuen Begriff einführen. Mit Alltagsrassismus ist aber keine echte Differenzierung gelungen: ist ja bloß Rassismus mit dem Wort Alltag davor – eher könnte man von einer Ausweitung der Kampfzone sprechen.

Integrationsschwierigkeiten finde ich auch problematisch als Begriff, weil es impliziert, dass man sich integrieren muss und das ganze Problem da zu lokalisieren sei – vielleicht hat man sich aber bereits integriert, oder man zieht bald um oder macht sonst irgendwie sein Ding.

Ein gutes Wort fällt mir ehrlich gesagt nicht ein. Denn am Ende ist es ja so: jede Kultur ist eine Zumutung. Kulturen bestehen zu 100% aus Erwartungen und Bräuche und Traditionen und Vorstellungen darüber, wie man “richtig” lebt und isst und tanzt. Übrigens ist auch jede Familie eine Zumutung, jede Freundschaft und jede Partnerschaft. Alle wollen was. Alle klagen und jammern. Alle möchten im Mittelpunkt stehen und zugehört werden. Jeder hat viel Zeit für seinen Scheiß und wenig Zeit für meinen Scheiß. Klar, man kann auch Mönch werden, sich zurückziehen und allem entsagen, aber das ist halt scheiße. Menschsein ist messy. Es ist total aufregend und crazy und wunderschön, aber auch tragisch und bösartig und hart. Aber vor allen Dingen ist es messy.

Deutschland war mal ein sehr rassistisches Land. Mehrere Generationen haben seitdem versucht, Deutschland von rassistischem Gedankengut zu befreien, ja regelrecht zu tilgen, und wenn es sicher nicht zu 100% gelungen ist, ist es doch einigermaßen gelungen. Nun, darüber kann man sich vielleicht streiten, aber ganz egal wie Rassismus-frei Deutschland noch werden soll oder auch wird: es bleibt ein Land voller einfacher, gemeiner Menschen, wie jedes andere Land auf der ganzen Welt auch. Und wer da zu viel mit Rassismus etikettiert und zu wenig mit zwischenmenschlichem Chaos, macht die Dinge nicht besser, sondern schlimmer: denn Rassisten sind per Definition, das haben wir alle in der Schule gelernt, Unmenschen – gemeine Menschen hingegen bleiben Menschen, weil jeder von uns ein gemeiner Mensch ist. Und wenn wir es versäumen, hier zu unterscheiden, lassen wir regelmäßig die heftigste Keule, die es praktisch gibt, auf jedes kleine, gemeine Arschloch niederprasseln – und dann wundern wir uns, dass gemeine Arschlöcher dafür kein Verständnis aufbringen können und anfangen, komisches Zeug zu fabrizieren. Dann canceln wir sogar Satiriker und meinen etwas gewonnen zu haben. Dann vergessen wir völlig, dass Humor (auch) eine heilende Funktion hat und Menschen zusammenbringt. Wie Slavoj Zizek sagt: “I don’t care abour your temples, tell me your dirty jokes and then we can be friends!” Dann übersehen wir, dass ein Text wie dieser keineswegs dem Ziel verfolgt, Menschenverachtung zu verharmlosen, sondern im Gegenteil um mehr Menschlichkeit wirbt. Nicht für Rassisten, sondern ganz allgemein für den Homo Imperfectus, der trotz allem ein Homo Liebenswürdigens ist.

Ganz egal welcher Hautfarbe oder Herkunft: das gehetzte Tier des 21. Jahrhunderts bleibt ein Mensch, der mehr schlecht als recht seine Welt zu navigieren versucht. Als Flüchtling, Polizist oder was auch immer. Die Geschichte hat uns gelehrt, dass man sehr vorsichtig sein muss mit Utopien – mit der Vorstellung, dass man einen noch viel besseren Menschen erschaffen kann: allzu schnell erhebt man sich über andere Menschen – mal im Namen dieser, mal im Namen jeder Ideologie. Mehr Bescheidenheit täte im Jahre 2020 dringend Not. Wenn man schon die Welt retten will, dann muss man das, liebe Aktivisten, besser tun. Und sich bitte immer wieder in Erinnerung rufen: wirklich überzeugen kann man andere – wenn überhaupt -, nur als Vorbild und mit Liebe.

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