Mesut Özil, mein Held, oder auch: I would prefer not to

Ich stelle mir Mesut Özil gerne als Helden vor. Als einen hochsensiblen, introvertierten Mann des Gewissens. Als jungen Deutsch-Türken mit großen Augen, dessen größte Gabe seine größte Schwäche ist: er sieht alles. Auf dem Rasen verleiht ihm diese Fähigkeit geradezu Superkräfte – niemand in “der Mannschaft” und überhaupt nur wenige auf der Welt können ihre Mitspieler so gut in Szene setzen wie Özil. Er sieht Laufwege, wo keine sind. Kann Dinge erahnen, bevor sie passieren. Was Özil allerdings nicht besonders gut kann: sich selbst in Szene setzen. Trotz seiner Genialität wirkt er immer ein wenig lethargisch auf dem Platz. Zu einem richtig strammen deutschen Führungsspieler reicht es Özil nicht, aus diesem Holz ist er nicht geschnitzt. Viel zu sensibel ist er dafür. Und vielleicht auch melancholisch. Man stelle sich mal vor, man wäre gezwungen, alles zu sehen – würde man das standhalten? Nietzsche meinte mal, dass der Wert eines Geistes daran gemessen wird, wie viel Wahrheit er vertragen könne. Wie viel Wahrheit muss Mesut Özil ertragen? 
In Herman Melvilles berühmter Kurzgeschichte “Bartleby, the Scrivener: A Story of Wall Street“ geht es um einen Anti-Helden, der sich weigert zu arbeiten, und auf jede Forderung seines Chefs mit den Worten “I would prefer not to” antwortet. So stelle ich mir Mesut Özil vor, wenn der DFB und Oliver Bierhoff und Philipp Lahm und die ganzen Führungsmenschen nun eine Stellungsnahme von ihm fordern. Stellung muss er beziehen, und zwar öffentlich! 
Denn Mesut hat Schlimmes getan: sich mit Erdogan ablichten lassen. Mesut, der selber Türke ist, hat dem türkischen Präsidenten ein Trikot geschenkt, auf dem „mein President“ steht. Wie alle wissen, ist Erdogan keiner von uns. Özil spielt aber für die Mannschaft. Also geht das nicht. Erdogan hält falsche Werte hoch, Özil muss unsere hochhalten. 
Nur: was genau sind unsere Werte? Herrscht darüber etwa Einigkeit in diesem Land? 
Auf diesem genialen Bild, das übrigens nicht das erste seiner Art ist — Özil hat sich wohl schon 2011, 2012, und 2014 mit Erdogan ablichten lassen und ihm auch schon mal ein Trikot geschenkt – bricht sich das ganze dichotomische Denken eines überforderten Volkes bann. Flüchtlinge oder Rechts, Metoo oder Mysogynie, Trump oder Camus, Schrill oder Überhört. Die Welt spielt verrückt und der Journalismus kommt nicht mit. Man versucht zu vereinfachen, man sucht nach Schuldigen.
Und findet Özil. Äußern soll er sich. Und singen! Das ist unsere Hymne.
I would prefer not to, sagt Özil dazu. Und spielt einfach weiter Fußball. Auch für die Mannschaft. Mehr nicht. Eine geniale, sensible, heroische Geste.
Klar, er könnte sich auch als Opfer beschissener Umstände hochstilisieren oder irgendwas total Runtergekochtes von sich speien. Das wären die gewohnten Methoden – aber würde das helfen? Spielt man dann nicht einfach das gleiche Spiel weiter? Was macht man aber, wenn man das Spiel, das gespielt wird, nicht spielen will, weil man es scheiße findet? 
Dies sagte Slavoj Zizek über Bartleby: „In his refusal of the Master’s order, Bartleby does not negate the predicate; rather, he affirms a non-predicate: he does not say that he doesn’t want to do it; he says that he prefers (wants) not to do it. This is how we pass from the politics of “resistance” or “protestation,” which parasitizes upon what it negates, to a politics which opens up a new space outside the hegemonic position and its negation.“
Wir sind gerade dabei, Özils schönsten Steilpass zu sehen, direkt ins Herz unserer Gesellschaft. Ich hoffe, dass Mesut weiter schweigt. Ich hoffe, dass er sich niemals zur Politik äußert. Ich hoffe, dass er für immer und ewig einfach nur der geniale Mesut bleibt. I would prefer not to.

Copyright , 2018

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

Daniel Tutt

writing on philosophy, psychoanalysis, politics

Žižekian Analysis

Learn, learn and learn!

Idiot Joy Showland

This is why I hate intellectuals

%d bloggers like this: